Stellungnahme zum Klimaschutzabkommen der Luftfahrtindustrie

7. Oktober 2016

Das am 6. Oktober beschlossene Klimaschutzabkommen der internationalen Luftfahrtindustrie CORSIA (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation) bedeutet v.a. eines: Die Branche nimmt ihre Verantwortung für das Klima nicht im nötigen Masse wahr. Eine Stellungnahme von myclimate Geschäftsführer René Estermann.

ICAO; Klimaschutz; CORSIA; Klimaschutz

myclimate Stellungnahme zum ICAO Agreement von René Estermann

Angesichts des Klimawandels, der globalen Emissionsziele als auch der wirtschaftlichen Situation ist es angebracht, sämtliche aktuell 800 Millionen Tonnen CO2, welche die Flugzeuge jährlich in die Atmosphäre ausstossen, vollständig zu bezahlen, wie das zunehmend anderen Klimagasemittenten auch tun. Und mit aktuell 100 Milliarden Dollar weniger Kerosinkosten wäre dies für die Branche auch ohne weiteres möglich. Leider hält der vorgestellte Deal nicht das, was er versprechen sollte.

Beim ICAO 39th Triennial Assembly in Montréal verkaufte die International Civil Aviation Organization (ICAO) ihr Abkommen als historischen globalen Klimaschutz-Airline-Deal. Einer der Kernpunkte ist das sogenannte «climate neutral growth» (klimaneutrales Wachstum), welches für alle Airlines beschlossen wurde. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass künftig nur die ab 2020 zusätzlich entstehenden CO2-Emissionen kompensiert werden sollen. Die bereits vorhandenen jährlichen Emissionen von dann zumal rund einer Milliarde Tonnen CO2 will die Branche weiterhin kostenlos in die Atmosphäre entsorgen.

Airlines sparen jährlich 100'000 Mio $

Dieser Aspekt stellt demnach eine immense verpasste Chance dar. Bei den konstanten Tiefpreisen für fossile Brennstoffe, wäre der Zeitpunkt gewesen, ein Zeichen für Verantwortung und Klimaschutz zu setzen, und das völlig ohne negative Effekte auf die Bilanzen. Das Ganze ist mit Blick auf die aktuell publizierten IATA Zahlen unverständlich und enttäuschend. Aus diesen geht eindeutig hervor, dass die Airlines im Jahr 2016 voraussichtlich 100 Milliarden US-Dollar im Vergleich zu 2014 an Betriebskosten dank gesunkener Kerosinpreise einsparen werden. Würde man nur etwas mehr als einen Zehntel der 100 Milliarden schweren Kosteneinsparungen für den Klimaschutz, das heisst für die Kompensation der von Flugzeugen erzeugten CO2-Emissionen investieren, hätte dies global äusserst positive Auswirkungen auf die Umwelt und die nachhaltige Entwicklung.

myclimate fordert von den Fluggesellschaften weltweit, dass sie für die gasförmigen Abfälle, die sie in die Atmosphäre entsorgen, die Verantwortung übernehmen. Angesichts der gewaltigen Einsparungen beim Kerosin ist jetzt der richtige Zeitpunkt für die Luftfahrtindustrie, für sämtliche CO2-Emissionen eine Gebühr zu entrichten, um die negativen Umweltauswirkungen wieder auszugleichen.

Klimaneutrales Wachstum? 

Das Angebot der Luftfahrtindustrie umfasst Reduktionsmassnahmen, die grossenteils dem technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Erwägungen geschuldet sind, von myclimate dennoch begrüsst werden. Als grosser Schritt angepriesen wird allerdings auch das klimaneutrale Wachstum ab 2020. Das durchschnittliche Wachstum der Airlines wird mit ca. vier Prozent pro Jahr veranschlagt. Einzig dieses jährliche Wachstum soll mit besagten Effizienzmassnahmen und CO2-Kompensation aufgefangen werden. Die bereits laufende Klimaverschmutzung von jährlich bis zu 1000 Millionen Tonnen bleibt davon völlig unberührt. Die zur Diskussion stehenden vier Prozent Wachstum entsprechen im 2020 ca. 40 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Bei einem gängigen Preis für Qualitätsprojekte nach Gold Standard von 10-20 Dollar pro Tonne nachgewiesener Reduktion würde das eine Investition von 400-800 Millionen Dollar bedeuten, wenn das komplett Wachstum ausgeglichen würde.

Die Frage nach Quantität & Qualität

Allerdings steht zu befürchten, dass sogenannte Billigzertifikate zu einem Preis von ungefähr einem Dollar pro Tonne eingesetzt werden. Das als verantwortungsbewusst dahingestellte Angebot an die Welt beläuft sich also auf 40-50 Mio US-Dollar pro Jahr, bei aktuell jährlichen Einsparungen von 100’000 Mio Dollar (100 Milliarden). Das wäre weniger als ein halbes Promille der aktuellen jährlichen Kerosinkosteneinsparungen. Da muss die Frage erlaubt sein, ob dies ausreichend ist!

Aus Sicht der Fluggäste mag es positiv sein, wenn Teile der Einsparungen durch tiefere Preise weitergegeben werden. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten mag es gut klingen, dass sich der Gewinn deutlich erhöht. Klimapolitisch auf globalem Level und somit für uns alle ist das aber deutlich zu wenig und damit inakzeptabel. myclimate fordert ein obligates, klimaneutrales Fliegen: ein obligater Preis für alle CO2-Emissionen, z.B. mit vollständiger Kompensation aller Treibhausgasemissionen für alle Emittenten, ob am Boden, in der Luft, im Wasser; ob für Mobilität, Energieproduktion oder Gebäudeheizung-/kühlung. Grundliegend hierfür ist das bewährte und faire Verursacherprinzip, das beispielsweise in der Schweiz beim Abfall- oder Abwassermanagement seit Jahrzehnten erfolgreich realisiert wird und mittlerweile nach anfänglichen Widerständen selbstverständlich geworden ist.

Das Verursacherprinzip hat massgeblich zur ‚sauberen’ Schweiz geführt. Saubere Seen, Flüsse und Wälder wären ohne obligates Verursacherprinzip nicht vorstellbar, das braucht es auch beim Klimaschutz!

Medienmitteilung ICAO:
Historic Agreement reached to mitigate international airline emissions

 

 

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