«Und wann holt ihr das CO2 ab?» – Ein Erfahrungsbericht

Warum sind Klimaschutzprojekte im globalen Süden so sinnvoll? Darüber berichtet Stefan Wagner eindrucksvoll und persönlich in einem Gastbeitrag für myclimate. Gemeinsam mit myclimate und dem WWF reiste er zu mehreren Klimaschutzprojekten, die er mit seinem Verein unterstützt. Darunter ein Schutzprojekt im Yaeda Valley in Tansania und ein Projekt im letzten verbliebenden Regenwald in Kenia.

Waldschutzgebiet im Yaeda Valley in Tansania

Unsere erste Station: Tansania. Südöstlich der Serengeti befindet sich die Region um den Lake Eyasi und das Yaeda-Valley. Das Gebiet ist weit genug entfernt von den Hotspots der Safari-Reisenden und hat somit eine eigene faszinierende und sehr ländliche Prägung. Hier leben die «Datoga» und die «Hadza», traditionelle Stämme, die ihre Lebensweise noch nicht an die Verlockungen unserer Welt angepasst haben.

Für die «Hadza», zu denen noch etwa 1.600 Menschen zählen, ist das Konzept des Vorräteanlegens unbekannt. Sie gehen täglich mit Pfeil und Bogen auf die Jagd, sie sammeln Früchte, Wurzeln oder Honig und sitzen ansonsten ziemlich entspannt an einem kleinen, vor sich hin lodernden Feuer. In der Vergangenheit wurden sie immer wieder aus ihren Heimatgebieten vertrieben, etwa durch die Massai.

Das Waldschutz-Projekt, lokal durchgeführt von «Carbon Tanzania», umfasst eine Fläche von insgesamt etwa 110.000 Hektar. Es ist damit das mit Abstand größte Projekt des Landes. 6.000 Hektar davon haben wir über Mittel und Spenden von Sports for Future geschützt. Konkret werden vor Ort gemeinsam mit den lokalen Communities jene Orte festgelegt, die besiedelt, geschützt und dabei bewirtschaftet werden dürfen sowie jene, die gänzlich unberührt geschützt bleiben. Dafür werden finanzielle Mittel bereitgestellt, die nach eigenem Ermessen etwa für Schulen oder Gesundheitseinrichtungen genutzt werden. Menschen werden als Ranger engagiert, die die Einhaltung der Gebiete sicherstellen. Außerdem werden Landrechte gesichert, auch die der Hadza – erstmals überhaupt in ihrer langen Tradition. Und wenn man dann einmal mit ihnen für einige Stunden durch ihre Gebiete wandert, bekommt man den Hauch einer Ahnung davon, wie wertvoll dies ist und wie weitsichtig die aus unserer Sicht vielleicht rückständig wirkende Lebensweise in Wahrheit ist.

Wiederaufforstung des Chepalungu Forest in Kenia

Unsere Route führte uns weiter durch die atemberaubende Serengeti in ein Gebiet nördlich der Masai Mara, dem kenianischen Teil der Serengeti, zum Chepalungu Forest. 2008 wurde hier ein 5.000 Hektar großes Waldgebiet im Zuge politischer Unruhen vollständig zerstört. Die Folge: Zuflüsse des Mara-Flusses, der einzigen Wasserquelle der Mara-Serengeti in der Trockenzeit, sind hier trockengefallen, Nahrung für Vieh-Herden verschwand, es drohte eine Verwüstung. So hat der WWF auf Bitte der lokalen Bevölkerung mit der Wiederaufforstung begonnen. 350.000 Bäume konnten bereits gepflanzt werden, etwa 40.000 Bäume wurden seitens Sports for Future ermöglicht. Neben der positiven Klimawirkung ist dieses Projekt für das Mikro-Klima wie auch für den Erhalt dieses angrenzenden einzigartigen Naturreservats von großer Bedeutung.

Effizientes Kocherprogramm in Kenia

Die nächste Etappe: ein Projekt zum Schutz des Kakamega-Regenwaldes. Dieser Regenwald ist Kenias letzter übrig gebliebener ursprünglicher Wald und beherbergt eine immense Vielfalt an einzigartigen und bedrohten Tieren und Pflanzen. Die TSG Hoffenheim subventionierte hier für ihren CO2-Fußabdrucks in Höhe von 3.000 Tonnen effizienter Kocher. Traditionell wird dort auf Drei-Steine-Feuerstellen gekocht, bei denen viel Hitze verloren geht und die somit einen hohen Bedarf an Feuerholz haben. Durch die effizienteren Kochstellen wird dieser Bedarf um ca. 50% gesenkt.

Weitere begleitende Vorteile:

  • weniger Rauch in den Hütten mit erheblich positiveren Auswirkungen für die Gesundheit,
  • Einkommensmöglichkeiten oftmals für Frauen in der Produktion und dem Einbau der Kocher,
  • weniger Zeitaufwand für das Sammeln von Brennholz (oftmals durch Kinder)
  • und damit auch mehr Zeit für die Kinder, um in die Schule gehen zu können.

Zu Fuß überquerten wir von Kenia die Grenze nach Uganda. Sofort wurde es laut: ein Musiktruck, der begleitet von hupenden Mofas mit Uganda-Fahnen zufällig durch die Straßen zog. Uganda hat einen besonderen Spirit, eine einnehmende Atmosphäre mit sehr viel Musik und Tanz. Über die Hauptstadt Kampala fuhren wir nach Hoima, nahe des Lake Albert im Westen. Dorthin, wo auch die neue EACOP-Pipeline ihren Ursprung hat, die Öl durch Tansania bis zum Hafen von Tanga in Tansania liefern soll.

Hier leben tausende Kleinbauern, von denen künftig bis zu 21.000 in das Aufforstungsprojekt von myclimate und Ecotrust als lokale NGO eingebunden sind. Auf ihren durchschnittlich etwa einen Hektar großen Grundstücken nutzen sie einen Teil für die Anpflanzung von Waldstücken, einige davon bilden kombiniert Korridore für Wildtiere zwischen einst verbundenen Waldgebieten. Über Sports for Future und das Klima-Ticket der TSG Hoffenheim wurden etwa 40.000 Baumpflanzungen realisiert.

Bei einem Besuch fragte einer der Kleinbauern, wann wir denn das CO2 abholen würden, das wir gekauft hätten. Das klingt natürlich erstmal ein wenig lustig und «bildungsfern». Das jedoch relativierte sich sehr schnell auf besondere Weise. Er entschuldigte sich dann nämlich zunächst für den Zustand seiner einfachen Hütte. Es sei ihm, so erzählte er, erst einmal wichtig gewesen, aus den Einnahmen durch das Projekt fünf Hühner und drei Ziegen zu kaufen und außerdem seine 14 Kinder in die Schule schicken zu können. Die habe er selbst nie besucht.

Spätestens in diesem Moment wurde uns klar, dass unsere Bewertungsmaßstäbe bei Weitem nicht ausreichen für die Einordnung derartiger Projekte. Der Begriff «Klimaschutzprojekt» wird diesen nämlich überhaupt nicht gerecht. Es geht bei dabei stets ebenso um die Verbesserung der Lebensumstände der Menschen vor Ort.

Abschließend besuchten wir noch eine Gruppe von Frauen, die eine Baumschule für diese Kleinbauern bewirtschaften. Sie berichteten dabei unter anderem davon, wie sehr sich das Thema «häusliche Gewalt» verbessert habe, weil ihnen das Aufforstungsprojekt eine Perspektive in vielfältiger Hinsicht bietet. Zuhause würde mehr gelacht und gesungen als zuvor.

Und dann erzählten sie aber auch noch von ihrer Angst. Davor, dass all ihre Arbeit, die gepflanzten Bäume und ihre Gemeinschaft durch mögliche Unfälle im Zuge der EACOP-Pipeline zerstört werden könnten. Eine Pipeline, die wie die Klimakrise vor allem mit unserer Lebensweise verbunden ist…

 

 

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Sven Focken-Kremer

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