«Climate Talk mit Maren Urner»

In unserer Interviewreihe «Climate Talk» sprechen wir mit Menschen, die sich leidenschaftlich für den Klimaschutz engagieren und zum Umdenken inspirieren. In diesem Gespräch erklärt uns Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Maren Urner, warum Wissen allein nicht zum Handeln führt und warum viele Menschen die Klimakrise unterschätzen. Ausserdem erfahren Sie, warum Emotionen in der Klimapolitik ein Must sind, welche Rolle Selbstwirksamkeit im Klimaschutz spielt und warum konstruktiver Journalismus wichtiger denn je ist.

Prof. Dr. Maren Urner, wie kann es sein, dass wir Menschen so viel über den Klimawandel wissen und es dennoch nicht hinbekommen etwas dagegen zu tun?

Prof. Dr. Maren Urner: Da spielen verschiedene Aspekte auf individueller und gesellschaftlicher Ebene mit rein. Ein wichtiger Aspekt, der beide Ebenen einschliesst, ist unser Hang zur Normalität – der sogenannte Normalcy Bias, der auch als «Vogelstrauss-Effekt» bezeichnet wird. Die meisten Menschen tendieren dazu, Gefahren selbst in katastrophalen Situationen, zu unterschätzen. Bei der Klimakrise wird dieser Effekt verstärkt, da die letzten Jahrzehnte Zweifel an der Existenz sowie den Folgen der menschgemachten Klimakrise gesät wurden. Warum? Weil viele mächtige Individuen und Unternehmen in Zeiten fossiler Energieträger sehr viel Geld damit verdienen können, mit eben diesen zu handeln.

 

Viele Menschen stecken seit einiger Zeit in einer tiefen Sinnkrise und verspüren starken Weltschmerz. Sie selbst nennen es das «Dauerkrisengefühl». Welche Strategien eignen sich aus neurowissenschaftlicher Sicht, um bei Menschen das Gefühl zu fördern, wirklich etwas bewirken zu können – statt in erlernter Hilflosigkeit zu verharren?

Die Gegenspielerin der erlernten Hilflosigkeit ist die Selbstwirksamkeit. Das ist das mächtige Gefühl, dass wir verspüren, wenn wir etwas schaffen und uns etwas gelingt. Das kann so etwas vermeintlich Triviales sein, wie ein Bild aufzuhängen oder ein Brot zu backen. Darum haben während der Pandemie so viele Menschen im Baumarkt und den Backabteilungen eingekauft. Am stärksten sind die positiven Gefühle der Selbstwirksamkeit, wenn wir uns gemeinsam mit anderen Menschen wirksam fühlen. Dieses Gefühl kann uns im vermeintlich Kleinen so sehr bestärken, dass wir uns auch grösseren, komplexeren Herausforderungen bestärkt und gewappnet gegenübersehen und aktiv(er) werden.

 

Sie betonen, dass Emotionen eine wichtige Rolle in all unserem Handeln spielen und selbst in der Politik nicht wegzudenken sind. Inwiefern können Emotionen hilfreich sein, wenn es um das Thema Klimaschutz geht?

Emotionen sind die Währung für Bedeutung im menschlichen Körper. Sprich: Je emotionaler etwas ist, desto intensiver spüren wir es und speichern es ab. Das Fatale ist, dass wir im Zuge der Aufklärung fälschlicherweise begonnen haben, Emotion und Verstand voneinander trennen zu wollen. Dabei ist das unmöglich. Denn wir können nur Unterscheiden und Entscheidungen treffen, weil wir Gefühle haben, die uns Vorlieben und Abneigungen signalisieren. Mit Bezug auf die Klimakrise und zukunftsorientiertes Handeln sind auch Gefühle wie Angst und Trauer wichtig, wenn wir beispielsweise unsere Heimat bedroht sehen. Wenn wir diese Gefühle gut annehmen und verarbeiten, spüren wir, wie wichtig es ist, sich für den Erhalt der Heimat und einer Lebensgrundlage einzusetzen. Denn es geht im wahrsten Sinne des Wortes um unser Über-Leben.  

 

Wir bemerken eine gewisse Klimamüdigkeit in der Gesellschaft. Wegschauen löst unsere Probleme jedoch nicht. Frau Urner, Sie sind Neurowissenschaftlerin und auch ein absoluter Medienprofi. «Wir müssen anders über Klimaschutz reden», sagten Sie vor Kurzem in der Süddeutschen Zeitung. Fokussieren sich Klimaschützer*innen und Medien Ihrer Meinung nach zu wenig auf Lösungen?

Das ist ein Teil des Problems – zugegebenermassen der letzten Jahrzehnte der Klimaberichterstattung. Es wurde wenn bei der Problembeschreibung gestoppt bzw. dann berichtet, wenn etwas Negatives passiert ist. Dabei wissen wir sehr gut, dass die eben beschriebene Selbstwirksamkeit vor allem dadurch aktiviert wird, wenn Menschen auch darüber nachdenken, wie es weitergehen kann, welche Lösungsansätze es gibt oder geben könnte. Darum setzte ich mich seit 2015 gezielt für einen Konstruktiven Journalismus ein und habe 2016 Perspective Daily mitgegründet, ein Online-Magazin, das konstruktiv und lösungsorientiert berichtet. Hinzu kommt, dass die Klimaberichterstattung lange Zeit sehr distanziert war. Der Klassiker: der Eisbär auf der schmelzenden Eisscholle. Da fehlte es an räumlicher, zeitlicher und sozialer Nähe für Menschen.

 

Was motiviert Sie persönlich, sich für den Klimaschutz einzusetzen?

Es ist alternativlos, wenn man sich für eine lebenswerte Zukunft «interessiert».  

 

Haben Sie eine inspirierende Person im Kopf, der oder die gut in unsere Interviewreihe passen würde? Wen würden Sie uns empfehlen?

Da fallen mir viele ein: Marina Weißband, Anni und Alex Kornelsen, Katharina von Bronswijk, Lea Dohm und Maik Meuser. 

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