«Climate Talk mit Valerie Huber»

In unserer Interviewreihe «Climate Talk» sprechen wir mit Menschen, die sich leidenschaftlich für den Klimaschutz engagieren und zum Umdenken inspirieren. In diesem Gespräch gewährt uns Valerie Huber, Schauspielerin, Autorin und Aktivistin, einen Einblick in ihr Engagement für eine gerechtere und nachhaltige Zukunft. Sie erzählt, was sie persönlich antreibt, ihre Stimme immer wieder öffentlich zu erheben, warum Kunst für sie untrennbar mit politischer Haltung verbunden ist und welche Veränderungen es braucht, um innerhalb der planetaren Grenzen zu leben.

Foto: Julia Dragosits

myclimate: Liebe Valerie, in deinem Buch «FOMO Sapiens» schreibst du über 34 Fragen, die dich nachts wachhalten. Welche dieser Fragen beschäftigt dich derzeit am meisten?
Valerie Huber: Sicherlich die Frage, wie wir es schaffen, unser System und unsere Lebensweisen so anzupassen, dass wir innerhalb der planetaren Grenzen leben und wirtschaften – und damit eine lebenswerte Zukunft für unsere Nachfahren sichern.

 

In «FOMO Sapiens» geht es um die Angst, etwas zu verpassen, aber auch um Zukunftsängste deiner Generation. Wie kann man mit Klimaangst umgehen, ohne in Ohnmacht zu verfallen?
Wenn Menschen Angst verspüren, können sie in verschiedene Modi verfallen: Freeze, Flight, Fawn, Fight. Anstatt also in eine Schockstarre zu fallen – was die einfachere Variante wäre – müssen wir in den «Fight-Modus» kommen. Aktiv zu werden, sich einzusetzen, ist die beste Maßnahme, um der Ohnmacht zu entkommen. Das hilft nicht nur dem großen Ganzen, sondern auch einem selbst.

 

Du sagst, du willst deine Generation wachrütteln. Welche Reaktionen bekommst du von Gleichaltrigen auf deine direkten Worte?
Erfreulicherweise sehr positive! Viele junge, aber auch ältere Menschen schreiben mir, dass sie sich abgeholt und verstanden fühlen. Oft dachten sie, sie seien allein mit diesen Gedanken und Gefühlen. Es ist so schön zu lesen, dass das Buch ein Gefühl von Zusammengehörigkeit schafft und Hoffnung schenkt. Genau deshalb habe ich es geschrieben. Das Buch war übrigens mein Versuch, aktiv zu werden und etwas Sinnvolles zu tun.

 

Du forderst radikale Veränderungen – in Wirtschaft, Mobilität, Konsum. Was bedeutet «radikal» für dich konkret?
Ich finde das Wort «radikal» wird völlig überbewertet. Was ist schon radikal? Wenn Politiker sagen, Aktivist*innen, die sich festkleben, seien radikal, dann muss ich lachen. Wir müssen viel radikaler werden – vor allem im Denken! Wir sind so eingeschränkt in unserer Vorstellung davon, wie die Welt sein könnte. Die Zeit ist reif, groß zu denken und radikale Maßnahmen einzuleiten. Es ist die einzige Chance.

 

Welche Schritte setzt du persönlich in deinem Alltag, um klimafreundlicher zu leben? Was war dabei überraschend einfach – oder besonders herausfordernd?
Ich habe vor fünf Jahren aufgehört, Fleisch zu essen. Das war anfangs schwer, weil ich Fleisch wirklich gerne mochte. Mittlerweile ist es kein Problem mehr – ich bin ein großer Fan von Gemüse geworden! Außerdem liebe ich Zugfahren, auch auf langen Strecken. Für mich ist das mittlerweile entspannt und wie ein mobiles Büro.

Persönlicher Verzicht ist gut und wichtig – natürlich mit Maß und Ziel, man sollte das Leben auch genießen können. Aber: Er allein reicht nicht aus. Wir brauchen große Regulierungen auf globaler Ebene, die alle betreffen. Wir brauchen faire Besteuerung von Superreichen, dürfen Diesel nicht weiter subventionieren, brauchen eine globale Energiewende. Wir können es uns nicht leisten, dass die Gas- und Ölindustrie sowie Megakonzerne mit ihren Lobbyisten weiterhin ungebremst ausbeuten, verpesten und unseren Planeten zerstören.

 

Als Schauspielerin nutzt du deine Bekanntheit, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Tragen Personen in der Öffentlichkeit eine besondere Verantwortung? Wie politisch darf oder muss Kunst heute sein?
Wenn Kunst nicht politisch und kritisch ist – wer oder was sollte es dann sein?
Jede*r, die oder der auch nur eine kleine Plattform hat, sollte sie nutzen, um auf Missstände hinzuweisen. Wie kann man still sitzen bleiben und zusehen, wie soviel menschengemachtes Leid auf der Welt passiert, ohne etwas zu sagen?

Wir Menschen in privilegierten westlichen Ländern tragen Verantwortung und wir haben uns ihr viel zu lange entzogen. Diejenigen, die am wenigsten zur Klimakrise beitragen, sind am stärksten betroffen. Sie verlieren schon heute ihre Lebensgrundlage, müssen fliehen, viele sterben. Und was macht der Westen? Er streicht humanitäre Hilfe und Programme wie USAID und lässt weiterhin Menschen im Mittelmeer ertrinken.

 

Was gibt dir persönlich Hoffnung in Zeiten multipler Krisen?
Die Schönheit der Natur – wie gewaltig sie ist und wie schnell sie sich regenerieren kann.
Menschen, die tagtäglich etwas verändern wollen. Junge Menschen, die vieles schon anders machen und von denen wir Erwachsenen lernen können. Menschen, die menschlich und solidarisch handeln.

Unser Newsletter