Claudio, du hast früh die ersten belastbaren Zahlen zu Lebensmittelverlusten in der Schweiz geliefert. Zu einer Zeit, als das Thema noch kaum jemanden interessiert hat. Was hat dich damals angetrieben?
Ich erinnere mich an einen sehr konkreten Moment: Ich stand kurz nach Ladenschluss vor einer Bäckerei und sah, wie noch essbare Ware entsorgt wurde. Das war kein spektakulärer Moment, aber einer, der hängen blieb. Mir wurde plötzlich klar: Wenn das bei einem einzelnen Betrieb schon sichtbar wird, muss die Summe entlang der ganzen Wertschöpfungskette enorm sein. Gleichzeitig gab es damals für die Schweiz kaum belastbare Daten. Als Umweltwissenschaftler war das für mich ein Punkt, an dem ich dachte: Hier kann Forschung etwas sichtbar machen, das bisher im Schatten liegt – und damit auch Veränderung auslösen.
Welche Meilensteine auf deiner Food-Waste-Reise freuen dich besonders?
Mich freut besonders, dass Food Waste heute nicht mehr nur ein Nischenthema ist. Beim jüngsten Focus Food Save von United Against Waste kamen rund 190 Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Gastronomie, Start-ups und NGOs zusammen – und zwar sehr lösungsorientiert. Auch foodwaste.ch hat sich stark entwickelt: Heute arbeitet ein professionelles Team daran, Wissen in die Breite zu tragen und konkrete Projekte umzusetzen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Nationale Woche gegen Food Waste im September 2026, die foodwaste.ch und United Against Waste gemeinsam koordinieren und bei der über 40 Organisationen als Multiplikatoren mitwirken. Und fachlich ist es ein grosser Fortschritt, dass wir im Detailhandel inzwischen sehr gute Messdaten mit hoher Marktabdeckung haben. Ohne Daten bleibt Food Waste abstrakt; mit Daten wird es steuerbar.
Viele Menschen denken bei Klimaschutz zuerst an Mobilität oder Energie. Warum sollte Food Waste genauso hoch auf der Agenda stehen?
Weil es kaum ein Handlungsfeld gibt, in dem wir mit vergleichsweise einfachen Massnahmen so viel bewirken können. Die Ernährung verursacht rund einen Viertel bis fast einen Drittel unseres ökologischen Fussabdrucks, und ein erheblicher Teil davon hängt mit vermeidbaren Lebensmittelverlusten zusammen. Gleichzeitig kann jede und jeder sofort etwas beitragen: besser planen, richtig lagern, Reste verwerten, Haltbarkeitsdaten richtig verstehen. Ein Vorteil ist auch: Bei Food Waste finden wir oft schneller Konsens als bei anderen Umweltfragen. Niemand produziert gerne Lebensmittel, damit sie am Ende im Abfall landen. Und wer beginnt, beim Essen über Mass und Wertschätzung nachzudenken, überträgt das oft auch auf andere Konsumbereiche.
Lebensmittelverschwendung ist ein gravierendes Klimaproblem.
Ja, und es ist auch ein Ressourcenproblem. Für Lebensmittel brauchen wir Böden, Wasser, Energie, Dünger, Arbeit, Transport, Kühlung und Verpackung. Bei tierischen Produkten kommen zusätzlich grosse Umweltwirkungen aus der Produktion dazu. Wenn solche Lebensmittel am Ende nicht gegessen werden, verlieren wir nicht nur das Produkt, sondern alle Ressourcen, die darin stecken.
Besonders bitter ist: Ein Teil der Umweltbelastung entsteht in einem System, das ohnehin unter Druck steht und dann nutzen wir das Ergebnis nicht einmal. Deshalb ist Food-Waste-Vermeidung eine der naheliegendsten Klimaschutzmassnahmen.
Das Ziel, Food Waste bis 2030 zu halbieren, ist in der Schweiz gesetzlich verankert. Trotzdem geht es schleppend voran. Woran liegt das?
Es liegt nicht daran, dass niemand etwas tun will. Aber Sensibilisierung braucht Zeit, Wiederholung und Koordination. Genau dafür fehlt oft das Budget. Dabei wäre dieses Geld sehr gut investiert. In Grossbritannien sank der vermeidbare Food Waste in Haushalten zwischen 2007 und 2012 um 21 Prozent. Die finanzielle Wirkung war enorm: Für jedes Pfund, das in die Reduktion von Food Waste investiert wurde, sparten Haushalte und öffentliche Hand zusammen rund 250 Pfund. Noch konkreter sieht man es in West London: Sechs Gemeinden reduzierten den Haushalt-Food-Waste innerhalb von sechs Monaten um 15 Prozent. Pro investiertem Pfund sparten die Gemeinden allein acht Pfund Entsorgungskosten; die Haushalte sparten zusätzlich rund 84 Pfund, weil sie weniger Lebensmittel unnötig einkauften.
Bei Unternehmen kommt ein zweiter Punkt dazu: Viele Massnahmen lohnen sich wirtschaftlich, aber man muss zuerst messen, die Ursachen verstehen und Prozesse verändern. Das braucht einen Anfangsaufwand. Genau hier zeigt die internationale Erfahrung aber einen sehr klaren Business Case. Eine Analyse von fast 1200 Standorten aus über 700 Unternehmen in 17 Ländern zeigt: 99 Prozent erzielten eine positive Rendite, und der mittlere Nutzen lag beim 14-Fachen der Investition. Anders gesagt: Wer einen Franken in Food-Waste-Reduktion investiert, kann im Median etwa 14 Franken zurückgewinnen.
Trotzdem handeln einzelne Unternehmen oft vorsichtig, weil sie im Wettbewerb stehen. Wenn ein Detailhändler eine Stunde vor Ladenschluss weniger Brot aufbackt oder Brot vom Vortag sichtbarer verkauft, kann das kurzfristig Kundschaft kosten. Wenn die ganze Branche solche Lösungen gemeinsam trägt, wird daraus eine Win-win-Situation. Genau deshalb braucht es neben Sensibilisierung auch verbindliche Branchenlösungen. Die Schweiz hat Fortschritte gemacht, aber nicht im Tempo, das für die Halbierung bis 2030 nötig wäre. Jetzt müsste die Dynamik deutlich erhöht werden.
Wo siehst du den grössten Hebel, um dieses Ziel doch noch zu erreichen: politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich?
Es braucht alle drei Ebenen, aber vor allem besser aufeinander abgestimmt. Politisch braucht es mehr Mittel für Sensibilisierung, Bildung und Information sowie klare Anreize oder verbindlichere Vorgaben dort, wo Freiwilligkeit nicht reicht. Wirtschaftlich müssen Branchen gemeinsam handeln, damit einzelne Unternehmen keine Wettbewerbsnachteile haben. In der Landwirtschaft brauchen wir bessere Datengrundlagen, damit Verluste überhaupt sichtbar und vergleichbar werden. Und gesellschaftlich geht es darum, einfache Routinen im Alltag zu verankern: bewusst einkaufen, Kühlschrank und Vorräte im Blick behalten, Reste verwerten, Mindesthaltbarkeitsdaten richtig deuten. Der grösste Hebel ist nicht eine einzelne Massnahme, sondern das Zusammenspiel.
Gibt es Länder, die beim Thema Food Waste deutlich weiter sind als die Schweiz und was könnten wir von ihnen lernen?
In einzelnen Bereichen ja. Dänemark ist stark in der öffentlichen Sensibilisierung und darin, Food Waste positiv und alltagsnah zu kommunizieren. Grossbritannien hat sehr früh und systematisch Haushaltsabfälle gemessen und Kampagnen wie Love Food Hate Waste aufgebaut. Frankreich hat mit verbindlichen Regeln gegen das Wegwerfen geniessbarer Lebensmittel im Detailhandel international Aufmerksamkeit geschaffen. Auch die EU geht inzwischen stärker in Richtung verbindlicher Reduktionsziele.
Gleichzeitig ist die Schweiz in anderen Punkten weit: beim qualitativ sehr differenzierten Monitoring inklusive Nebenprodukten aus der Verarbeitungsindustrie sowie bei der Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette. Wir müssen also nicht einfach kopieren, aber sehr genau hinschauen, welche Instrumente wo wirken.
Was können Haushalte konkret tun? Und mal abgesehen vom Klimaargument: Wie viel Geld lässt sich dadurch eigentlich sparen?
In Schweizer Haushalten geht es um viel Geld: pro Person können es rund 600 Franken pro Jahr sein.
Die wichtigsten Schritte sind einfach.
- Clever einkaufen, also planen, Vorräte prüfen und nicht jeder Aktion folgen.
- Lebensmittel richtig lagern, damit sie länger geniessbar bleiben.
- Haltbarkeitsdaten richtig verstehen. Ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Wegwerfdatum.
- Kreativ kochen und Reste verwerten, zum Beispiel Brot vom Vortag aufbacken oder zu neuen Gerichten verarbeiten.
- Freude am Essen teilen und auch im Restaurant Reste einpacken lassen oder im Umfeld über gute Lösungen sprechen.
Zusätzlich helfen wir dem System, wenn wir krummes Gemüse kaufen, Brot vom Vortag akzeptieren, Produkte aus Nebenströmen ausprobieren und dem Handel zurückmelden, dass wir nicht jederzeit volle Regale bis Ladenschluss erwarten.
Womit beschäftigst du dich in den nächsten Monaten und was treibt dich dabei persönlich am meisten an?
Ein Schwerpunkt bleibt das nationale Monitoring der Lebensmittelverluste in der Schweiz. Wir müssen wissen, wo wir stehen, sonst können wir nicht beurteilen, welche Massnahmen wirken. Daneben arbeite ich im europäischen Horizon-Projekt GreenGrocer mit, in dem wir Wissen zu nachhaltigen Ernährungssystemen, Umweltwirkungen, Verarbeitung und Verlusten zusammenführen, damit Entscheide in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft besser abgestützt werden können. Und neben meiner Arbeit an der ZHAW engagiere ich mich weiterhin projektbezogen bei foodwaste.ch.
Was mich persönlich antreibt, ist die Zusammenarbeit: mit Unternehmen, Branchen, Bund, Start-ups, Medien, Studierenden und sehr motivierten Menschen. Food Waste ist ein Problem, aber eines, bei dem Lösungen unglaublich greifbar sind. Das macht die Arbeit sinnvoll.