Kaum rollt die nächste Hitzewelle über Europa, erleben wir die Wiederauferstehung eines bekannten «Arguments»: Vergesst die Emissionsreduktion, wir müssen uns anpassen. Soweit, so bekannt (und so banal, siehe unten). Neu in diesem Jahr ist ein Twist, passend zum aktuellen (unendlich langweiligen) Kulturkampf: Mehr Klimaanlagen («die Ihr Klimaeuropäer ja aus Ideologie verabscheut»), mehr Kühlung, mehr Technik. Problem gelöst.
Um das Offensichtliche und übrigens Unbestrittene klar zu sagen: Natürlich müssen wir uns anpassen! Wir retten im Hier und Jetzt niemanden mit moralischen Appellen vor Hitzeschäden und dem Hitzetod. Menschen, gerade Verwundbare, brauchen kühle Altersheime, kühle Spitäler, kühle Schulzimmer. Auch ist es mit Blick auf Küsten und Flüsse absolut geboten und logisch, in Dämme, Deiche, sowie Auen und Auslaufzonen zu investieren. Nur so sind wir auf kommende Extremwetterereignisse vorbereitet. Die Anpassung an den Klimawandel ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Was mich allerdings stört, ist der zynische Taschenspielertrick, den gewisse Kreise – deren Vertreter*innen neuerdings gerne mal eine Fußfessel ihr Eigen nennen – anwenden und dank naiver Steigbügelhalter auch in die Öffentlichkeit tragen. Der Trick ist, die Klimaanpassung nicht als Ergänzung zur Emissionsreduktion zu präsentieren, sondern als Ersatz. Das Perfide dabei: Die Verantwortung wird zum Einzelnen geschoben: Kauf dir doch eine Klimaanlage! Isoliere dein Haus besser! Zieh halt weg! Arbeite früher am Morgen!
Hitzekampf mit sozialer Kälte
Das klingt vernünftig – bis man kurz darüber nachdenkt, für wen denn eigentlich?
Für die Familie in der überhitzten Drei-Zimmer-Wohnung ohne Budget für Umbauten und ohne «generösen» Vermieter? Für die Pflegefachfrau und die Bewohner*innen im nicht klimatisierten Altersheim? Für die Schulkinder im aufgeheizten Klassenzimmer? Für den Bauarbeiter auf dem Gerüst bei 38 Grad? Wer Anpassung ausschließlich über private Konsumentscheide definiert, verlagert die Kosten und Risiken auf jene, die am wenigsten Spielraum haben. Das ist nicht pragmatisch, sondern – bewusst – sozial blind.
Ja, wir brauchen mehr Kühlung. Und zwar rasch. Sozial verträglich und dort, wo Menschen besonders verletzlich sind und wo es möglich ist. Wie kühlt man gleich nochmal eine Baustelle?
Diese gewissen (und gewissenlosen?) Leute, deren Stimmen man aktuell hören darf, versuchen die Frage nach Kühlung in die Arena des Kulturkampfes zu verlagern. Schließlich sind ja angeblich alle(!), die sich für Klimaschutz einsetzen, gegen Technologien allgemein und gegen Klimaanlagen im Besonderen. Dabei sind sie sich, wie so häufig, ihrer eigenen logischen Inkonsequenz und Inkonsistenz nicht bewusst oder ignorieren diese auf trumpeske Art. Denn, wenn wir schon über effiziente Kühlung sprechen: Die sinnvollste Lösung ist in vielen Fällen dieselbe Technologie, die im Winter fossilfreie Wärme liefert – die Wärmepumpe. Das ist nicht Ideologie, sondern Physik. Komischerweise wurde und wird diese Technologie von eben jenen Leuten aber verteufelt und mit durchdachten und wohl finanzierten Kampagnen angegriffen. Sachen gibt’s…
Hätte, hätte, Fahrradkette
Und dann gibt es ebenfalls noch den Aspekt, den man eigentlich nicht erwähnen sollte, weil er nach dem obigen Spontispruch klingt. Aber, wo bei mir die Verärgerung gerade überhandnimmt, möchte ich ihn trotzdem nicht unerwähnt lassen. Viele jener Stimmen, die heute lautstark mehr Klimaanpassung fordern, haben sich über Jahre jeder ernsthaften Klimadebatte verweigert. Wer heute nach gekühlten Schulen ruft, erklärte gestern noch, dass «es früher doch auch heiße Sommer gegeben habe». Dieselben Kreise, die heute Hitzeschutz beschwören, stellten noch vor wenigen Jahren die Notwendigkeit von Wärmepumpen, Emissionsreduktionen oder teilweise die Existenz des Klimawandels selbst infrage.
Hätten wir Diskussionen vor zehn Jahren oder noch früher auf Basis von vorhandenem Wissen und gesundem Menschenverstand sachlich geführt, hätten wir heute vermutlich mehr hitzetaugliche Schulen, mehr gekühlte Pflegeeinrichtungen und mehr resiliente Arbeitsmodelle. Klar, Nachtreten hilft uns hier genauso wenig weiter wie Argentinien im WM-Finale. Aber vergessen sollte man es auch nicht.
Gemeinsam vernünftig das Problem angehen und lösen
Zu Ende dieses Kommentares und mit etwas «abgekühlten» Emotionen, möchte ich einen Lösungsansatz vorschlagen. Wie gesagt, ich halte es für banal: Es braucht Anpassung und Emissionsreduktion. Kein ernstzunehmender Akteur im Klimabereich wird jemals etwas anderes behaupten. Lassen Sie uns dabei eines nicht vergessen: Rein ökonomisch sitzen wir im gleichen Boot. Jede zusätzliche Erwärmung macht auch die Anpassungsmaßnahmen teurer. Mehr Betriebsausfälle. Mehr Gesundheitskosten. Mehr Schäden an Infrastruktur, die für ein anderes Klima gebaut wurde. Mehr Geld für Kühlung, Reparaturen und Notfallmassnahmen.
Parallele und ernsthafte Mitigationsbemühungen sparen am Ende Geld, viel Geld. Gleichzeitig treiben sie Innovation voran und bringen neue Geschäftsfelder hervor, was Ländern wie der Schweiz oder in Gesamteuropa die dringend gesuchten Wettbewerbsvorteile bringt (im Gegensatz zu mobilen Klimaanlagen…).
Auf Geld sparen und auf Wachstumsimpulse für die heimische Wirtschaft können wir uns doch sicher alle einigen. Oder etwa nicht?