In Bonn tagt seit dem 8. Juni die SB64. Neben der jährlichen COP treffen sich die «subsidiary bodies» (SB), also die technischen Verhandlungsgremien der Vereinten Nationen, mehrfach im Jahr, um die Regeln zur Umsetzung im globalen Prozess ausgehend vom Paris Agreement zu verhandeln. Aktuell wird wieder über Details diskutiert: Methodiken, Register, Prozesse. Soweit nichts Nneues. Immerhin, die Tonlage hat sich verändert. Weniger Grundsatzdebatten, mehr Umsetzungsdruck.
So begrüßenswert und wichtig die Verhandlungen generell und dieser «mindset shift» auch sind, sie greifen zu kurz.
Denn in Wahrheit hat sich der internationale Carbon Market längst gedreht. Wir verlassen die Phase des Rule Makings und treten in die Phase der Implementation ein. Wir möchten es ganz bewusst betonen: Mit dem faktischen Ende des Clean Development Mechanism (CDM) geht nämlich nicht einfach ein Kapitel zu Ende. Es ist ein struktureller Einschnitt. Der CDM war über viele Jahre weit mehr als ein Mechanismus. Er war Marktinfrastruktur, Investitionskanal und Referenzsystem zugleich. Sein Ende ist deshalb kein technisches Detail, sondern ein klares Signal: Alte Sicherheiten gelten nicht mehr.
Die Frage nach den geltenden Regeln ist somit veraltet. Neu sollte gefragt werden:
- Wie entsteht der Markt von morgen und wer gestaltet ihn?
- Welche Rolle können oder sollen die Gastländer spielen?
- Wie kann der Mechanismus am besten gefördert werden?
- Welche Maßnahmen können umgesetzt werden, um ihn für nationale NDCs attraktiv zu machen?
Artikel 6.4: zentral, aber alles andere als selbstverständlich
Artikel 6.4 wird aktuell oft als «neuer globaler Standard» beschrieben. Und tatsächlich spricht vieles dafür, dass er zum Referenzsystem international verpflichtender Märkte wird. Der internationale Compliance-Markt der Zukunft wird aber anders funktionieren als das, was wir aus der Vergangenheit kennen. Er ist strukturell komplexer und politischer.
Angebot und Nachfrage entstehen nicht mehr einfach durch Projektentwicklung und Käuferinteresse. Sie hängen von staatlichen Entscheidungen ab: von der Einbettung in nationale Klimastrategien (NDCs), von Autorisierungen, von Corresponding Adjustments. Das ist kein Nebenschauplatz. Es ist der Markt.
Gleichzeitig wird der Druck deutlich: Die aktuellen Klimaziele führen uns, trotz Fortschritten, weiterhin eher auf einen Pfad von 2.3 bis 2.8 Grad. Wenn wir ehrlich sind, liegt darin die eigentliche Relevanz dieses Marktes. Er ist kein optionales Instrument, sondern Teil der Antwort auf eine Klimapolitik, die strukturell hinter dem Notwendigen zurückbleibt. Ohne internationale Kooperationsmechanismen fehlt ein zentraler Teil der Lösung.
Viele Länder sind bereit, Artikel 6 zu nutzen. Doch oft fehlen noch die Strukturen, Prozesse und Erfahrungen, um den Markt wirklich zum Laufen zu bringen. Was auf Papier klar wirkt – etwa Corresponding Adjustments oder die Einbettung in nationale Klimaziele – zeigt sich in der Praxis bislang als hochkomplex. Genau hier entscheidet sich aber, ob der Artikel 6 Markt die Erwartungen in erfüllt ihn und sein Potenzial ausschöpft oder klar dahinter zurückbleibt. Letzteres wäre gesamthaft gesehen eine Katastrophe: Als Flexibilitäts- und Finanzierungsmechanismus kann Artikel 6 nämlich ein entscheidender Hebel sein, wenn er liefert.
Orientierung wird zum entscheidenden Faktor
Wenn Märkte nicht mehr automatisch aus Nachfrage und Angebot entstehen, verändert sich auch die Rolle der Akteure. Es reicht nicht mehr, Projekte zu entwickeln oder Credits zu liefern. Gefragt sind diejenigen, die das System mitbauen, verstehen und navigierbar machen.
Bei myclimate sehen wir genau darin unsere Aufgabe: Wir arbeiten seit über 20 Jahren im Bereich der Carbon Markets, sind seit vielen Jahren Akteurin im Schweizer Inlands-Compliance Scheme, davon ausgehend auch aktiv in den Artikel-6.2-Bemühungen der Schweiz und bauen unsere Kompetenz in Artikel 6.4 und CORSIA gezielt aus.
Unser Anspruch ist dabei bewusst umfassend: von Due Diligence über nachhaltige Entwicklungswirkung bis hin zur Einbindung lokaler Partner und immer mit Blick auf das Zusammenspiel von Markt, Regulierung und Umsetzung.
Wer den Markt verstehen will, muss tiefer gehen
Unser neues Paper – geschrieben von Kolleginnen, die den Übergang vom CDM und freiwilligen Marktmechanismen hin zu Artikel 6 nicht nur beobachten, sondern aktiv mitgestalten – fasst unser langjähriges Wissen, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und den Austausch mit vielen Partnern und Marktteilnehmern global zusammen. Es greift die aus unserer Sicht relevantesten Fragen auf:
- Was sich durch das Ende des CDM wirklich verändert.
- Warum Artikel 6.4 kein einfach zu implementierender Mechanismus, getrieben rein von Angebot und Nachfrage, ist.
- Und welche Faktoren darüber entscheiden, ob dieser Markt funktioniert.
Wenn Sie verstehen möchten, wohin sich der internationale Compliance-Carbon-Markt entwickelt und welche Rolle Artikel 6 dabei spielen wird, dann lohnt sich eine Auseinandersetzung mit dem vollständigen Paper, welches wir auf Nachfrage gerne mit ihnen teilen.
Für Frühstarter und Fortgeschrittene empfehlen wir den Fokus auf nationale «Programms of Activities» für einen ganzen Sektor bzw. eine zentrale Technologie. Im Rahmen des PoA kann dann eine generisches Geschäftsmodells entstehen, dass es allen technisch qualifizierten Marktteilnehmern erlaubt sich zu beteiligen. Dies natürlich unter Erfüllung aller erforderlichen UNFCCC-Prozesse – insbesondere früher und dauerhafte Einbindung von DNA und dem für den Sektor verantwortlichen Ministerium.
Diese Ansätze werden in einem in Kürze erscheinenden technischen Paper beschrieben. Bis dahin stehen Ihnen unsere Artikel 6.4 Expert*innen zur Verfügung, um Sie beim Start zu unterstützen.