Lieber Dirk, in eurem Nachhaltigkeitsbericht steht «Als GLS Bank bringen wir Geld dahin, wo es für eine nachhaltige Zukunft gebraucht wird». Was bedeutet für dich persönlich «Sinn»?
Dirk Kannacher: Sinn ist für mich all das, was das Leben lebenswerter macht. Das meint die Gegenwart als auch die Zukunft. Besonders wichtig ist hier das menschliche Miteinander: Wie wir zueinander in Beziehung stehen, wie wir uns gegenseitig wahrnehmen, wie wir uns gegenseitig verhalten – das alles ist wichtig. Ich achte darauf, dass es durch mein Handeln dem Gegenüber gut geht. Das ergibt für mich Lebenssinn.
Die GLS Bank betont den Sinn hinter dem Wirtschaften. Was macht die GLS anders als andere Banken?
Schon bei der Gründung war der Unterschied sichtbar: Die Bank wollte nie einfach eine Bank sein. Es ging von Beginn an darum, über verschiedene Geldqualitäten sinnvolle soziale und ökologische Projekte zu unterstützen. Mit Geldqualitäten meine ich, welche sozialen Ebenen Geld hat. Wir sprechen hier von Kaufen, Leihen und Schenken. Mit Kaufen erkenne ich die Dienstleistung eines anderen an. Wenn ich leihe, dann vertraue ich dem Gegenüber und beim Schenken ermögliche ich etwas, ohne dass ich eine Gegenleistung dafür erwarte. Es braucht alle drei Geldqualitäten, damit Wirtschaft funktioniert. Dafür stehen unsere Buchstaben: Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken – GLS. Das ist ein fundamental anderer Weg, als ihn andere Banken gehen.
Entspricht die Logik dahinter nicht eher einem Wunschdenken als einer wirtschaftlichen Herangehensweise?
Nein. Bei uns im Leitbild steht, dass der Sinn stets vor dem Gewinn kommt. DAS ist doch die zugrundeliegende Logik von Wirtschaft: Die Arbeitsteilung ist entstanden, damit sich Menschen auf ihre Talente konzentrieren können. Sie lassen etwas in der Welt entstehen und erhalten dafür einen Lohn, von dem sie leben können. Wenn man Wirtschaften darauf beziehen würde, erfolgt sie aus dem eigenen Antrieb und wird auch ökonomisch tragfähig.
Euer Wachstum gibt eurer Idee Recht. Aber was braucht es, um dieses Denken in der Gesellschaft zu skalieren?
Als erstes müssen wir unsere Bildungssystem verändern. Lasst uns bitte den Begriff der Wirtschaft neu definieren. In der Reihenfolge sozial, ökologisch, ökonomisch. Wirtschaft sollte dem Menschen dienen, und zwar im Rahmen der planetaren Grenzen.
Ich habe das «normale» Wirtschaften gelernt. Wenn du das mit 38 Jahren umprogrammieren musst, brauchst du schon einen guten Mentor. Ich hatte das Glück, diesen Mentor im ehemaligen Vorstandssprecher der GLS Bank, Thomas Jorberg, zu finden. Der hat mich drei Jahre immer wieder Nachhause geschickt und gesagt: «Du hast das noch nicht verstanden. Du hast nicht das Vertrauen, dass wenn du etwas Sinnvolles tust, es am Ende des Tages auch jemanden gibt, der das Geld dafür bezahlt.» Sobald wir diese Erkenntnis in der Bildung verankern, könnte es zum Wohle sehr schnell gehen.
Was muss neben der Bildung noch geändert werden?
Ökonomisch gesehen wird sich fast alles ändern müssen. Ich sehe das geschichtlich gern in drei Phasen.
Phase eins war die Zeit, als intrinsisch motivierte Menschen die Klimakrise schon gesehen haben. Ihre Arbeit mündete beispielsweise im 1997 unterzeichneten Kyoto-Protokoll.
Danach folgte mit dem Pariser Abkommen die zweite Phase. Hier wurde versucht, dem Engagement ein Vertragswerk zu geben.
Jetzt kommt die dritte Phase. Ich bin davon überzeugt, dass es die ist, die jeden am Ende des Tages überzeugen wird. In dieser Phase werden die Risiken einer Wirtschaft ohne Fokus auf Menschlichkeit sichtbar. Das ist sogar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos angekommen. Im Global Risk Report steht, dass die größten Risiken für das Wirtschaftswachstum der nächsten Jahre die Extremwetterereignisse und die Klimakrise sind. Diese Risiken, die es vorher schlicht nicht gab, werden nun eingepreist. Handeln wir entgegen Menschen und Natur rechnet es sich ökonomisch schlicht nicht mehr. Diese Erkenntnis verbreitet sich. Klimaschutz, Regenerative Energien und Vorsorge sind günstiger als Nichtstun. Die Wette auf fossile Energieträger ist ausgelaufen.
Auf einer Skala von 1 bis 100: Wie nah sind wir dem Ziel der Vollendung der dritten Stufe?
Schwierig. 60 würde ich sagen.
Wie lebst du Nachhaltigkeit?
Ich bin überzeugt, dass mich nachhaltiges Leben nicht einschränkt. Vielmehr macht es mein Leben besser und mich viel zufriedener, glücklicher und gesünder.
Stichwort Bewegung: Ich versuche möglichst viele Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erledigen. Damit komme ich pro Jahr allein mit dem Fahrrad auf rund 5.000 Kilometer. Als Nebeneffekt habe ich fünf Kilogramm abgenommen, fühle mich biologisch jünger und fitter. Winwin fürs Klima und für mich. Das Gleiche stimmt für Bekleidung, Ernährung und mein Reiseverhalten. Es gibt viele Stellschrauben. Ich habe all das für mich persönlich entschieden und empfinde es als sinnvolle Lebenshaltung, mit der ich mehr für mich und unseren Planeten tun kann.
Kommt das auch in der Familie gut an?
(Lacht): Wir hatten zuhause die Diskussion, ob sich mein Sohn einen Roller kaufen darf oder nicht. Und am Ende des Tages bin ich zu dem Schluss gekommen: Ich kann nur einen Werterahmen mitgeben. Jeder muss selbst entscheiden, welchen Teil er davon mitnehmen möchten. Es gibt das Zitat das ähnlich geht wie: «Du wirst aus Eigenem das Richtige finden, wenn ich etwas dazu stelle.» Das ist eine andere Geste und das kommt ohne Belehrung aus. Ich stelle einfach «etwas» dazu, ohne dass dies exakt umgesetzt werden muss. Nur weil ich in meinem Leben an einer anderen Stelle angekommen bin, kann ich es nicht verbieten. Das «sich selbst entwickeln» möchte ich meinen Kindern mit auf den Weg geben. Am Ende ist hat er sich für einen Elektroroller entschieden.
Letzte Frage: Was ist dein Aufruf an alle Changemaker und Führungskräfte?
Seid ehrlich zu euch selbst! Nur wer sich selbst führen kann, ist auch in der Lage, andere zu führen. Und nur wer sich selbst gegenüber ehrlich ist, kann zum Vorbild werden. Wenn du dir jeden Tag die Frage stellst «Was ist deine eigene Verantwortung gewesen, dass der Tag ein Guter war? Wie hast du dafür gesorgt, dass die Beziehungen, in denen du über den Tag warst, gute Beziehungen gewesen sind?», dann wird dir auffallen, wie durch die Verantwortungsübernahme und das «Dazustellen» eigener Gedanken und Ideen etwas Positives entsteht. Ich glaube, das ist eine grundlegende Haltungsfrage. Wenn ich noch eine zweite Aussage dazustellen darf, würde ich sagen: Akzeptiere deine Grenzen und sei glücklich.