Vom Klimaschutzprojekt zum Systemwandel: Wie effiziente Kocher Madagaskar verändern

Was als Klimaschutzprojekt begann, ist heute ein Treiber für umfassenden Wandel: In Madagaskar zeigt sich, wie ein einfacher Kocher nicht nur CO₂ reduziert, sondern Lebensbedingungen verbessert, Wälder schützt und Perspektiven schafft.

Luc Estapé, Geschäftsführer von ADES. Foto: myclimate

Madagaskar gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und steht gleichzeitig vor enormen ökologischen Herausforderungen. Der Zugang zu Bildung ist vielerorts erschwert, unter anderem aufgrund schlechter Infrastruktur. Gleichzeitig werden die Wälder Madagaskars weiter drastisch abgeholzt: Rund 90 Prozent des ursprünglichen Waldbestands sind bereits verloren. Mit ihnen verschwinden einzigartige Tier- und Pflanzenarten – viele davon kommen nur auf dieser Insel vor. So gelten etwa 94 Prozent der Lemurenarten als vom Aussterben bedroht. Ein wesentlicher Treiber der Entwaldung ist der Alltag der Menschen: Rund 97 Prozent der Haushalte kochen mit Holz oder Holzkohle. Der hohe Bedarf an Brennmaterial setzt die verbliebenen Wälder stark unter Druck. 

 

Mehr als Klimaschutz: Ein Ansatz mit Systemwirkung

Hier setzt das Projekt von ADES an, das myclimate seit über zehn Jahren im Rahmen von Klimaschutzfinanzierungsbeiträgen unterstützt. Durch die Verbreitung effizienter Kocher und Solar-Lösungen wird nicht nur der Holzverbrauch deutlich reduziert, sondern auch die Luftqualität in den Haushalten verbessert und die Gesundheit der Bewohner*innen gestärkt. Gleichzeitig entstehen lokale Arbeitsplätze und wirtschaftliche Perspektiven.  

Was dieses Projekt besonders macht: Es geht längst nicht mehr nur um Emissionsreduktion. Vielmehr zeigt sich, wie Klimaschutz, soziale Entwicklung und wirtschaftliche Chancen zusammenwirken können. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von ADES haben wir mit dem Geschäftsführer Luc Estapé über die Entwicklung des Projekts, Herausforderungen vor Ort und seine Vision für die Zukunft gesprochen. 

 

Die grün lackierten Kocher sind heute aus Madagaskar kaum mehr wegzudenken. Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden? 

Luc Estapé: Als Regula Ochsner, die Gründerin von ADES Madagaskar 10 Jahre nach ihrem letzten Aufenthalt wieder besuchte, um ihrer Mutter die schönen Wälder Madagaskars zu zeigen, war sie entsetzt über die massive Abholzung und über den Verlust dieser einmaligen Biosphäre. Um die Hauptursache, den hohen Brennholzverbauch, zu minimieren gründete sie ADES im März 2001 und begann mit der Herstellung und dem Vertrieb von Solarkochern. Diese Lösung war nicht massentauglich: zu teuer, zu schwer, auf Sonne angewiesen und zu weit entfernt von den Kochgewohnheiten der Bevölkerung. 

ADES setzte deshalb auf effiziente Kochlösungen, die lokal produziert und skalierbar sind.  

Es war von Anfang an das Ziel, mit lokaler Wertschöpfung, lokalen Lieferketten und lokalen Rohmaterialien möglichst viel Werte im Land selber zu sichern. Madagaskar ist nicht nur energetisch «rückständig», sondern auch von krassester Armut betroffen. Zudem ist der Arbeitsmarkt auch noch sehr unattraktiv. 

 

Was als Klimaschutzprojekt begann, wird heute oft als Beispiel für systemischen Wandel genannt. Wann wurde Ihnen klar, dass hier mehr entsteht als ursprünglich geplant? 

Mit dem Entscheid, auf lokal wertschöpfende Skalierbarkeit zu setzen, wurde dieser Weg bereits zu Beginn eingeschlagen. Aber dass sich aus dem 20-30-köpfigen, ehrenamtlich geführten NPO ein hybrides KMU/NGO mit 260 Mitarbeitenden, drei Produktionsstandorten und 13 Verkaufspunkten über die gesamte Insel erstrecken würde, konnte nicht vorhergesehen werden. In der ursprünglichen Planung war man ja davon ausgegangen, ein regionales Problem mit regionalen Lösungen zu versehen – die Investitionen in die Skalierung wäre alleine mit Spendenfinanzierungen schlicht nicht möglich gewesen.  

Durch die Erschließung der Klimafinanzierung durch myclimate wurde ADES ein massiver Investitionsschub ermöglicht: dank dieser Zusatzeinnahmen konnten wir jeden Spendenfranken mit dem Faktor 2.5 als Investition nutzen. 

Vor knapp 10 Jahren schließlich kam ursprünglich aus dem Bedürfnis heraus, den eigenen Holzverbrauch in der Produktion durch nachhaltige Holzbewirtschaftung zu decken. Dies führte dazu, dass ADES neben der Kocherproduktion schließlich auch in Aufforstungsprojekte investierte und auch in Umweltunterrichtsprogramme für Lehrpersonen und Schüler*innen. Diese beiden Aktivitäten werden aber nach wie vor zu 100 Prozent aus Spenden und spezifischen Projektfinanzierungen gespiesen, nicht aus den Erträgen aus den CO₂-Reduktionsprogrammen.

 

Welche Veränderungen erleben die Menschen durch die Kocher ganz konkret in ihrem Alltag? 

Es fängt damit an, dass die Kinder (in fast allen Fällen die Mädchen) nicht in immer weiteren Kreisen um das eigene Heim herum stundenlang nach Holz suchen müssen, da der Verbrauch an Feuerholz um 35 bis 60 Prozent sinkt. Der Einkauf von Holz und Holzkohle schlägt sich schnell einmal mit 20 bis 40 Prozent des Haushaltseinkommens durch, wenn hier die Hälfte eingespart werden kann, spürt das jede Familie und hat damit mehr Geld für die Grundbedürfnisse, wie Essen und Schulbildung für die Kinder, übrig. 

Drittens nimmt durch die effizientere Holzverbrennung die Rauchentwicklung massiv ab. Da die meisten Familien vor allem bei schlechtem Wetter drinnen kochen, hat das einen riesigen Impact auf die Gesundheit, wiederum vor allem der weiblichen Familienmitglieder.

 

Gibt es eine persönliche Begegnung oder Geschichte aus dem Projekt, die Ihnen besonders geblieben ist? 

Einerseits der Armuts-Schock: wir lassen uns in einem beinahe klimatisierten Fahrzeug durch den Süden fahren, um den südlichsten Standort in Ejeda zu besuchen. Wir fahren im Schritttempo durch die Dörfer – wie in ähnlichen Kontexten zu erwarten, werden wir von einer Schar Kinder «verfolgt». Nur: in Madagaskar bitten sie nicht um Süßigkeiten oder Kugelschreiben. Sie baten um Wasser. 

Ansonsten, eher im Positiven: wo auch immer wir hinkommen, ein Botschafts-Anlass, eine Vernetzungsveranstaltung unter NGOs, ein Besuch bei einem potenziellen Aufforstungspartner, auf der Straße, im Restaurant: wenn wir uns als ADES-Vertretende zu erkennen geben, geht die Sonne im Gesicht des Gegenübers auf.

 

ADES verfolgt einen Ansatz, der auf Befähigung statt klassischer Hilfe setzt. Wie zeigt sich das konkret in der Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung? 

Ich durfte ganz früh in meinem Berufsweg eine Erfahrung machen, die mich seither begleitet: in Kirgistan hatte ich einen Fahrer, der von «seinem» Regierungsvertreter massiv ausgenützt wurde. Er erhielt knapp 10 Prozent von dem von mir bezahlten Betrag, der Rest ging in die Tasche des Regierungsvertreters, das Auto gehörte derselben und musste nicht bezahlt werden. Ich bin daraufhin mit dem Fahrer auf meine Kosten ein Auto kaufen gegangen und habe ihm gesagt, dass ich ihm das Gehalt bezahle, das ich an den Regierungsverteter bezahlt hatte und dass ich das Auto nach 12 Monaten verkaufen würde – er erhielte dann 50 Prozent des Verkaufspreises. Dafür würde ich erwarten, dass er das Auto pflege, sauber halte und immer vollgetankt habe. Nach 12 Monaten hatte er genügend zusammengespart, um mir das Auto abzukaufen und er war ab dann selbstständiger Fahrer mit Auto. 

Das müssen wir in der nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit auch hinkriegen: wie übertrage ich «Ownership» an einem Projekt, einer Maschine? Wie können wir Anreize setzen, um Menschen dazu zu bringen, mitzudenken, vorauszuplanen, wenn sie das über Generationen nicht gemacht haben?

 

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen aktuell – sei es vor Ort oder im internationalen Kontext?  Was braucht es, damit solche Projekte langfristig erfolgreich bleiben?

Einerseits ist es die Zertifizierung als CO₂-Reduktion: da werden fast jährlich Anpassungen gemacht, was natürlich begrüßenswert ist, da die Bestimmungen härter werden und das auch so sein soll, wenn wir Glaubwürdigkeit halten wollen. Wenn aber in der klassischen Industrie z.B. die Abgasvorschriften verändert werden, wird den Unternehmen viel Zeit eingeräumt, um Anpassungen vorzunehmen, bis zu 10 Jahre. Im NPO-Bereich, speziell hier im CO₂-Markt, gibt es Änderungen, die mit sehr kurzer Vorlaufszeit eine bereits bestehende Vintage betreffen. So kann sowohl die zertifizierte Menge oder der Preis sich sehr kurzfristig und faktisch per sofort ändern. Konkret mussten wir innerhalb zweier Jahre mehr als eine Halbierung der Reduktionstonnen hinnehmen, ohne dass sich der Preis angepasst hat. Unter diesen Umständen unternehmerische Entscheide zu treffen, ist beinahe unmöglich, wir werden faktisch gezwungen, immer nur kurzfristig reagieren zu können und mehrjährige Investitionsprogramme sind beinahe unmöglich. 

Es bräuchte ein Verständnis, dass die Reduktionsprojekte unternehmerische Leistungen sind und als solche auch eine Planungsgrundlage brauchen. Das ist in einer Branche, die emotional behandelt wird, wo faktisch Glaubenskriege geführt werden, fast nicht möglich. Aber wünschenswert wäre es trotzdem.

 

Welche Rolle spielt die Klimafinanzierung für die Entwicklung und Skalierung des Projekts?   

Die entscheidende Rolle. Wenn wir heute über klassisches Fundraising die Finanzierung von 10.000 Kochern hinkriegen, dann erhalten wir über die nächsten 5 Jahre, mit 2 bis 3 Jahren Verzögerung, mindestens denselben Betrag noch einmal. Das heißt, dass wir viel schneller haben skalieren können durch die Klimafinanzierung, als uns das durch reine Eigenmittel möglich gewesen wäre. Wir wären heute nicht bei der Kapazität, die wir haben, wir hätten nicht so viele Mitarbeitende, unser Impact wäre dramatisch kleiner. 

Ohne Klimafinanzierung ist das organische Wachstum auf circa einem Drittel von dem, was wir in unserem Fall mit der Klimafinanzierung machen können.

 

Was sind die nächsten Ziele für ADES? 

Unser Verkauf kämpft damit, deutlich zu skalieren: wir müssen unseren Vertrieb stärken, was wir mit einer Stärkung der Verdienstmöglichkeiten der Wiederverkaufenden angehen, mit dezentralen Lagern und der Umwandlung unserer eigenen Verkaufenden in Unterstützungsfunktionen für den Wiederverkauf. 

CO₂-Zertifizierung: es stehen wieder massive Veränderungen an. Unsere heutigen Emissionsreduktionen, berechnet auf den Standards von 2023, wären ca bei 1 Mio. Tonnen pro Jahr. Faktisch sind es dieses Jahr knapp 600.000, ab nächstem Jahr vermutlich nur noch 300.000. Zusätzlich kommt mit den Paris-aligned Berechnungen hinzu, dass nur noch sehr energieeffiziente Kocher zertifiziert werden können. Wir sind aktuell grad am Messen, ob wir diesen Ansprüchen genügen werden, die (wiederum: extrem kurzfristig) ab 1.1.2028 gelten werden.  

Stellen Sie sich vor: wir haben in den letzten eineinhalb Jahren 1 Mio. EUR in unsere Produktionsanlagen investiert und in eineinhalb Jahren sind diese im Worst Case wertlos. Zudem fragt man sich, ob es wirklich die Absicht der Regulierer war, Kochlösungen komplett aus dem Markt zu entfernen, die vielleicht etwas weniger effizient sind, aber trotzdem nachweisbar 30 bis 50 Prozent der Holzmengen reduziert, die zum Kochen verwendet werden. Was machen unsere Nutzenden dann – wieder zurück zum Kochen auf drei Steinen? War das die Absicht, den Fußabdruck durch eine Verschärfung der Regeln zu erhöhen? 

Aber insgesamt sind wir mit unserer Nationalen Direktorin, Maryn Mohn-Drouet, jetzt so gut aufgestellt, wie man es nur sein kann, um mit diesen Herausforderungen umgehen zu können. Sie kommt aus der Privatwirtschaft, ist aber nach dem Studium nach Madagaskar zurückgehrt, weil ihr das Land, die Umwelt und die Menschen hier am Herzen liegen. Ihre Professionalität, ihre Erfahrung, ihre Empathie und ihr auch emotionales Engagement werden uns stark prägen und ich freue mich, diese Herausforderungen mit ihr zusammen angehen zu dürfen. 

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