myclimate: Dario, schön, dass du Zeit für ein Interview hast. Wo treffen wir dich gerade an?
Dario Schwörer: Skjervøy in Norwegen auf 70 Grad Nord. Ich mache gerade unser Boot flott für unsere nächste Reise.
Du bist mit deiner Frau und deinen mittlerweile sechs Kindern mehr als 20 Jahre um die Welt gesegelt. myclimate hat eure Reise stets verfolgt. Wahnsinn, was ihr bisher erlebt habt. Was hat dich dazu bewegt, dein Leben so konsequent dem Klimaschutz zu widmen – und das sogar auf einem Boot?
Als passionierter Bergführer, Klimatologe und Vater sah ich in den 90er Jahren, wie mein «Offfice» wegschmilzt, d.h. die Gletscher und die Berge, die vom Permafrost zusammengehalten werden. Da musste ich handeln. 1999, also vor 26 Jahren, starteten wir mit der «TOPtoTOP Global Climate Expedition». Unser Ziel war und ist bis heute «EXPLORE, INSPIRE, ACT», d.h. Beispiele für Klimaschutz und -wandel in allen Klimazonen zu sammeln und damit Schüler*innen in Schulen inspirieren auch aktiv an einer nachhaltigen Zukunft mitzuwirken. Wir zeigen mit der Expedition, dass auch große Unternehmungen im Einklang mit der Natur möglich sind. So geht es zu Fuß, per Velo und unter Segel jeweils auf den höchsten Punkt jedes Kontinents.
Ihr habt es euch zur Aufgabe gemacht, junge Menschen zu inspirieren, ihnen Hoffnung zu schenken und sie für den Klimaschutz zu begeistern. Lohnt sich der Einsatz?
Es sind jetzt dann bald 200'000 Schüler*innen, die wir mit unserer Arbeit bisher erreicht haben. Wir denken, die beste Investition ist die in Kinder. Sie haben die besten Ideen, repräsentieren die Zukunft, sind in einigen Jahren die Entscheidungsträger*innen und werden unseren Planeten gestalten.
Mit dem Segelboot konntest du Passagen durchqueren, die zuvor ganzjährig zugefroren waren, und hast dabei Menschen kennengelernt, deren Existenz in Gefahr ist. Wie gehst du damit um, die Folgen des Klimawandels hautnah zu erleben?
Es ist eindrücklich zu sehen, wie viel Eis zurzeit abschmilzt. Aber es ist nicht nur das Eis. Der Klimawandel hat einen Impact in allen Klimazonen. Sogar inmitten des Ozeans haben sich die Wetter- und Seebedingungen verändert. «Change» hat es immer schon gegeben, doch zurzeit geht es im Höllentempo voran, sodass es schwierig ist, sich so schnell anzupassen. Was mich aber optimistisch stimmt, ist die Kreativität der Menschen und der Natur allgemein sich anzupassen. Wir sehen Schüler und Schülerinnen aus verschiedenen Weltregionen, die wir besucht und dank den Sozialen Medien zusammengebracht haben, miteinander gemeinsam an konstruktiven Lösungen arbeiten. Somit schafft der globale Klimawandel auch Freundschaften über die Grenzen hinweg und trägt so etwas zum Weltfrieden bei.
Gibt es Begegnungen, die dich besonders berührt oder inspiriert haben?
Immer wenn Menschen betroffen sind, die faktisch nicht zur Erwärmung beitragen, wie die Kunas, die ihre Inseln vor Panama verlassen müssen, weil der Meeresspiegel ansteigt, oder die Inuit, die ihre Schlittenhunde erschießen müssen, da das Packeis fehlt, um auf die Jagd zu gehen. Es ist richtig, das Problem an der Wurzel zu packen und auf weniger CO2 zu setzen, doch darf man die betroffenen Menschen nicht vergessen! Es braucht mehr Solidarität für sie und Hilfe heute.
Die Reise von dir und deiner Familie ist momentan im Film «Home is the Ocean» im Kino zu sehen. Zeigt der Film die Realität?
Die Regisseurin Livia Vonaesch hat es geschafft, das Meer ins Kino zu bringen. Der Film fokussiert sich auf das Meer, unser Schiff und unsere Familie. Er blendet jedoch weitgehend aus, dass wir auch sehr viel auf dem Velo und am Berg unterwegs sind. Wir, die Familie Schwörer, sind zwar seit Anbeginn der Kern der Expedition, doch eigentlich ist unsere Familie viel größer. Sie besteht aus sehr vielen Freiwilligen aus inzwischen 69 verschiedenen Nationen, die immer wieder auf der Expedition tätig sind. Lehrkräfte sind für unsere Umweltbildungsprojekte in Schulen übrigens immer besonders willkommen.
Wen würdest du gerne auf eine Segeltour schicken, um die Folgen des Klimawandels mit eigenen Augen zu sehen?
Nach der Eröffnung einer neuen Passage durch die North West Passage von Hawaii nach New York, hatten wir in den USA ein großes Medienecho. Wir haben dann Obama und Trump (gerade wenige Tage im Amt) auf das Schweizer Expeditionsschiff eingeladen, um bei Kaffee und Kuchen über leidende Inuit und Eisbären zu berichten, sozusagen auf neutralen Boden. Obama hat sich gemeldet, der amtierende Präsident war dann wohl schon zu viel beschäftigt.
Was sind eure nächsten Pläne?
Der letzte Top, der Mount Vinson in der Antarktis. Und dann übernehmen wohl unsere Kinder das Steuer, um auch an einer nachhaltigen Zukunft unseres Planeten zu arbeiten. Unser Sohn Noé hat bereits damit begonnen und hat sich sein eigenes Stahlschiff renoviert.
myclimate unterstützt Familie Schwörer bereits seit 2011. Informationen über ihre Expeditionen finden Sie hier: https://toptotop.org/
Alle Informationen zum Film «Home is the Ocean» von Livia Vonaesch finden Sie hier: https://www.home-is-the-ocean.com/