Die wissenschaftliche Grundlage ist eindeutig: Um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssen Emissionen weltweit drastisch sinken. Tourismusbetriebe sind hiervon dreifach betroffen – als Teil des Problems, als Betroffene und als Teil der Lösung. Hierbei spielen sowohl regulatorische Anforderungen als auch veränderte Kundenbedürfnisse eine Rolle. Auch aufgrund gesetzlicher Neuerungen, etwa der «Empowering Consumers Richtlinie» (EmpCo) der EU konkretisiert sich mehr und mehr ein Handlungsdruck. Die Gäste hingegen erwarten heute Transparenz, glaubwürdige Maßnahmen und Angebote, die Umweltbelastungen reduzieren.
Diesen Herausforderungen wollte sich auch die Kursaal Bern AG aus der Schweiz stellen. Bereits 2006 waren sie Gründungsmitglied der «Klimaplattform der Stadt Bern», die sich für die deutliche Reduktion des CO2-Ausstoßes einsetzt. Auf vielen weiteren Schritten folgte 2019 gemeinsam mit myclimate die Erstellung einer CO2-Bilanz. Die daraus ersichtlichen Ergebnisse zeigten die größten Hebel: Wärmeversorgung, Beleuchtung, Lebensmittel (von dem Angebot, der Beschaffung bis zur Verwertung) und Wäscherei. Statt alles auf einmal zu verändern, setzte das Team strategisch Schritt für Schritt an.
Wir sind stolz auf das Erreichte, aber wir wissen auch, dass wir noch ein Stück Weg vor uns haben. Nachhaltigkeit ist eine lange Reise mit vielen Etappen
Dieses Vorgehen ist charakteristisch – und sinnvoll. Eine zuvorderst erstellte Bilanz bietet sich dafür an und ist auch für eine Netto-Null-Strategie notwendig. Doch was bedeutet Netto-Null?
Zunächst beschreibt Netto-Null den Zustand, bei dem ein Betrieb seine Emissionen spätestens bis 2050 so weit wie möglich reduziert hat. Für die Restmenge an Emissionen, die technisch oder wirtschaftlich unvermeidbar sind, werden im gleichem Maße dann Klimaschutzprojekte zur dauerhaften CO2-Entfernung und -lagerung finanziert. Idealerweise übernimmt ein Unternehmen während des Reduktionsweges Verantwortung für die jährlich anfallenden Emissionen durch die Unterstützung von Reduktions- und naturbasierten Klimaschutzprojekten, um zum gesamtgesellschaftlichen Ziel beizutragen. Diese Projektunterstützung wird unter dem Begriff Ongoing Emissions Responsibility (OER) zusammengefasst. Dieser Begriff wurde von der Science Based Targets initiative (SBTi) geprägt, die den Netto-Null-Prozess wissenschaftlich und glaubwürdig in ein praxisnahes Konzept gegossen hat. Sie gilt als weltweit führender Standard für unternehmerischen Klimaschutz. Immer mehr Unternehmen richten sich danach aus.
Was viele Hotels verbindet, ist die Frage der Finanzierung: Wie sollen konkrete Maßnahmen, auch wenn diese sich später rechnen, heute bezahlt werden? Eine Möglichkeit ist die Einbindung der Gäste. Transparente Kommunikation und freiwillige Beiträge ermöglichen es, Klimaschutz verantwortungsvoll gemeinsam zu gestalten. Das schafft Vertrauen. Es existieren für Tourismusbetriebe und sogar für ganze Destinationen sogenannte Fondsmodelle.
Kursaal Bern hat sich hierbei für myclimate «Cause We Care» entschieden: Wenn Hotelgäste oder Kunden eines Kongresses einen Klimaschutzbeitrag leisten, verdoppelt der Betrieb den Beitrag und zahlt ihn in den unternehmenseigenen Fonds ein. Ein Teil der Einnahmen fließt in messbar wirksame myclimate Klimaschutzprojekte. Etwa in das lokale Naturwaldreservat Beatenberg-Habkern im Kanton Bern, wodurch ein 529 Hektar Wald großer Wald sein Potenzial als Kohlenstoffspeicher und Lebensraum heimischer Tiere entfalten kann. Der andere Teil fließt in Nachhaltigkeitsmaßnahmen des Betriebes. Das in der Schweiz gegründete Fondsmodell «Cause We Care» verzeichnet mittlerweile über neun Mio. Buchungen mit Klimaschutzbeitrag.
Diese Beteiligung der Gäste ist auch deswegen von Vorteil, weil die An- und Abreise oftmals die größten Emissionsquellen darstellen, auf die der Hotelbetrieb keinen direkten Einfluss nehmen kann. An dieser Stelle sind intelligente Angebote oder Kooperationen für alternative Anreisemöglichkeiten gefragt, etwa ein Rabatt bei Anreise mit dem Zug.
Und noch einen weiteren Vorteil gibt es im Rahmen des Marketings: Es ist zu erwarten, dass sich auch das Schweizer Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) an die ab September in der EU geltende «Empowering Consumers Richtlinie» anpassen wird. Die «EmpCo» untersagt allgemeine Umweltaussagen und verlangt stattdessen spezifische belegbare Aussagen. Eine Net-Zero-Strategie liefert dafür die Grundlage.
Ob grosses Haus oder kleiner Familienbetrieb – jedes Hotel kann heute beginnen, diese wirksamen Schritte umzusetzen. Kleine Fortschritte in der Analyse, Reduktion, Beteiligung und schliesslich der Finanzierung von Klimaschutzprojekten, verbinden sich über die Zeit zu einem gesamthaften Konzept, das sich für den Betrieb rechnet. Der Weg zu Netto-Null muss nicht kompliziert sein. Entscheidend ist es anzufangen.
Dieser Artikel wurde in leicht veränderter Form in der «htr hotelrevue», der Fachzeitung für die Schweizer Hotellerie, und auf HTR.ch erstveröffentlicht.